Theater im Klassenzimmer
Ein schönes Foto?
Theater im Klassenzimmer heißt für uns:

Theater -

für das Klassenzimmer inszeniert,
eingebettet in ein theaterpädagogisches Rahmenprogramm,

Themen, die den SchülerInnen "unter den Nägeln brennen",

ein ganzheitlicher Lern- und Erfahrungsraum,

Raum für neue ästhetische Erfahrungen.


In unserer Inszenierung ist die Auseinandersetzung mit den Themen ebenso wichtig
wie eine moderne theatrale Ästhetik, denn:
Wir möchten die Kinder berühren,
sie für eine Unterrichtsstunde verzaubern
und sie zum weiter-denken-fühlen anregen.



Dirk Wittke
Theater im Klassenzimmer -
eine systemische Intervention in Schule am Beispiel des PISAK Theater Bielefeld


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Bei Theater im Klassenzimmer denken die meisten LehrerInnen an Schülerbespaßung, im besten Fall an ästhetische Bildung. Das es aber noch viel mehr sein kann, welche Chancen sich darüber hinaus für Schule eröffnen, soll hier am Beispiel des PISAK Theater gezeigt werden.

Das Theaterstück

Ein ganz normaler Morgen an einer ganz normalen Schule irgendwo in OWL. Es ist 8.10 Uhr und 27 Schülerinnen und Schüler lauschen mehr oder weniger aufmerksam den Ausführungen der Lehrerkraft. Plötzlich wird die Tür aufgerissen. Eine junge Frau in einem mit bunten Lappen behängten orangenen Overall steckt ihren Kopf in die Klasse. "Hallo, ich heiße Phan, kann ich mich mal kurz bei euch verstecken?"

Von diesem Moment an sind alle wach, der schulische Alltag ist abrupt unterbrochen, mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgen die Kinder das weitere Geschehen. Als kurz darauf die nächste mit einer Art Superheldenkostüm bekleidete Figur in die Klasse platzt, ist allen klar, dass hier etwas ganz besonderes stattfindet - Theater im Klassenzimmer.

Die "Schattenkrieger" des PISAK Theaters sind zu Besuch und entführen die Schülerinnen und Schüler in eine fantasievolle Geschichte über Mobbing, Freundschaft und Selbstbehauptung. Die Figuren agieren mitten unter den Kindern, lassen sie unmittelbar teilhaben an ihren Emotionen, Sehnsüchten und Träumen. Da schauen die Kinder hin, hören zu, fühlen mit. Sie (er)leben diesen Konflikt, versetzen sich in die Figuren hinein, zeigen Empathie. Zwischen beiden Figuren hin- und hergerissen finden sie sich mal auf der mobbenden, mal auf der helfenden Seite wieder. Sie können das Gefühl des "gemobbt werdens" nachempfinden, spüren sich selbst und ihre eigene Ambivalenz und werden sogar manchmal selbst zu Agierenden.

Das zeigt die originäre Stärke von "Theater im Klassenzimmer" - Unmittelbarkeit des Erlebens durch intensives Schauspiel, eine spannende Geschichte mit Themen, die die Kinder berühren, und das in einem Raum, den sie sonst anders erleben, ihr eigenes Klassenzimmer.

"Theater im Klassenzimmer" gehört mittlerweile zum Repertoire vieler Stadt- und Landestheater und auch einige freie Theater bieten Klassenzimmertheaterstücke an.
Eines davon ist das PISAK Theater Bielefeld. Seit mehr als zehn Jahren hat es sich diesem Genre verschrieben und in dieser Zeit mit ihren fünf Stücken über 1000 Vorführungen in OWL gegeben und damit fast 30.000 Kinder und Jugendliche an über 100 Schulen erreicht. An vielen Schulen gehören ihre Stücke zum Schulprogramm, manche Schulen buchen regelmäßig das komplette Repertoire.

Der besondere Erfolg des PISAK Theaters liegt neben der Intensität des Schauspiels und der besonderen Themenwahl an der ganz speziellen Art der Nachbereitung.
Im Unterschied zu vielen anderen Anbietern legt das PISAK Theater einen besonderen Fokus auf die Nachbereitung.
Dabei kommt dem PISAK Theater das fundierte Know How des gesamten Teams zugute, mit Qualifikationen in den Bereichen Pädagogik, Theaterpädagogik und systemisch - lösungsfokussierter Beratung, aus denen sich die Ideen für die Reflexion speisen.


Die systemisch - lösungsfokussierte Nachbereitung

Methodenvielfalt garantiert tieferes Verständnis, so gehört eine 45 minütige Nachbereitung zum festen Bestandteil aller Klassenzimmertheaterstücke des PISAK Theaters. Das Erlebte muss "ins Wort" gebracht, verbal reflektiert werden, damit es nicht nur in den Herzen sondern auch in den Köpfen der Kinder wirklich ankommt. Sie sprechen dann über das Verhalten und die Motivationen der Figuren, denken über Handlungsalternativen nach und entwickeln Konfliktlösungen. Sie reflektieren ihr eigenes Verhalten im Kontext des Theaterstücks und versetzen damit ihre Lehrkräfte nicht selten in Erstaunen.

Das Schauspielerteam leitet die Nachbereitung selbst und hat dadurch einen anderen Zugang zu den Kindern, es sieht seine Aufgabe in der Moderation und nicht in der Instruktion, es macht Angebote, Überzeugungen und Sichtweisen zu hinterfragen und ggf. zu verändern. Dabei wird die gesamte Klasse in den Blick genommen und versucht, die Auftretenswahrscheinlichkeit der intendierten Ziele zu erhöhen.
Mobbing z.B. kann nur entstehen, wenn es neben den Täterinnen und Tätern auch Kinder gibt, die "mitlaufen" oder wegschauen. Die Bewältigung von Mobbing ist also immer eine Herausforderung für die gesamte Klasse.

Je nach Stück und Thema und Umfang der Nachbereitung arbeitet das Schauspielteam mit den Angeboten:


Zirkuläre Fragen - um Denk-, Fühl- und Verhaltensweisen in Richtung Empathie und Zivilcourage anzuregen
Gruppendynamische Einmischung - die Bestimmung gemeinsamer Ziele in Richtung eines positiven Klassenklimas und eines Wir-Gefühls

Rollenspiel und Skulptuierung zur emotionalen Vertiefung

Dabei nutzen die Schauspielenden die Figuren des Stücks als Projektionsfläche für die Kinder, sie sprechen in der Regel nicht über die konkreten Konflikte in der Klasse, sondern gehen den "Umweg" über das Theaterstück. So wird der Raum für eine offene Aussprache geschaffen - die Wahrscheinlichkeit von Reflexionsprozessen und Verhaltensänderungen wird erheblich vergrößert.


Nachhaltigkeit durch die Schule

Theater im Klassenzimmer plus systemisch - lösungsfokussierter Nachbereitung öffnet einen Raum vieler Möglichkeiten, bietet Chancen der Veränderung und ermöglicht die Verstärkung eines schon positiven Klassenklimas.
Um diese Chancen möglichst wirksam zu nutzen, bedarf es der Weiterarbeit durch die Klassenlehrerin/Klassenlehrer oder die Schulsozialarbeit.
So öffnet das Stück, die Reaktionen der Kinder auf das Stück und die Nachbereitung vielfältige Möglichkeiten der Vertiefung im Rahmen von Klassenstunden oder sozialen Trainings. Die Kinder teilen durch das intensive Erlebnis mit dem Theaterstück eine gemeinsame Erfahrung, die lange nachwirkt. Die Lehrerkräfte haben immer wieder die Möglichkeit, über die Figuren und das in der Nachbereitung Erarbeitete mit den Kindern ins Gespräch zu gehen, zu überprüfen ob gemeinsam entwickelte Ziele noch im Blick sind und welche Themen wieder auf die Klassenagenda gehören.

Wünschenswert ist dabei ein offener Blick der Lehrerkraft auf die Kinder und die Wahrnehmung und Würdigung auch kleinster positiver Veränderungen. Dann bietet Theater im Klassenzimmer neben dem ästhetischen Genuss und dem intensiven gemeinsamen Erleben auch große Chancen zur Verbesserung der sozialen und reflexiven Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Öffnung von Schule "at its best" also.

Dirk Wittke / Februar 2017
Der Autor ist Mitbegründer, Regisseur und Schauspieler des PISAK Theater Bielefeld

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